GIS baut Brücken – zwischen der realen Welt der Lernenden und der digitalen Welt. Kein Wunder also, dass der Zürcher Geografie- und Geschichtslehrer Marcel Engel Geoinformationssysteme (GIS) als festen Bestandteil seines Unterrichts begreift. Seine Schüler danken es ihm.

Herr Engel, als Lehrer des Freien Gymnasiums nutzen Sie schon seit einigen Jahren GIS im Unterricht. Wie muss man sich das konkret vorstellen?

GIS ist für mich ein integrales Werkzeug des Geografieunterrichtes. Meine Schülerinnen und Schüler sollen keine vorgefertigten Karten konsumieren. Ziel ist es, dass sie zu Unterrichtsthemen auf Grundlage von Daten eigene Karten erstellen und sich so zu selbständig denkenden Persönlichkeiten entwickeln. Mit aktuellen Werkzeugen wie ArcGIS Online ist eine Kartendarstellung schnell möglich, was im Unterricht zu einer ganz anderen, tieferen Diskussionsqualität führt.

Neben dem Einsatz von GIS im „Normalunterricht“ haben wir an unserer Schule ein Praktikumssemester, in dem die Schülerinnen und Schüler mit Hilfe von Geoinformatik ein selbst gewähltes Projekt verfolgen. Ziel der Projekte ist es zum Beispiel, Erkenntnisse für die Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers Seefeld oder der Stadt Zürich zu schaffen.


Marcel Engel ist Geografielehrer am Freien Gymnasium in Zürich. Sein Ziel: Die Lernenden zu selbstständig denkenden Persönlichkeiten auszubilden, die sich in der digitalen Welt zurechtfinden. GIS hilft ihm dabei.


Wie sieht das konkret aus? Haben Sie Beispiele?

Bisher hat dieses Praktikum mit den Zweitklässlern des Kurzzeitgymnasiums (10. Schuljahr) spannende Projekte hervorgebracht, darunter eine Analyse der Zulieferungswege von Bäckereien im Seefeld oder allergene Bäume im öffentlichen Raum.


StoryMaps der Schülerinnen und Schüler von Marcel Engel:
Allergene Bäume im Seefeld
Kaffees im Seefeld (Projekt 2017)


Einer meiner Mathematik-affinen Schüler arbeitet daran, das Wählerpotential innerhalb der Zürcher Wahlkreise für die kommenden Nationalratswahlen auf einer Karte zu visualisieren. Grundlage ist das Wählerverhalten der letzten Jahre.

Und gerade haben wir eine StoryMap über die zweitägige Glaziologie-Exkursion der vierten Klasse fertiggestellt.


Welche pädagogischen oder didaktischen Vorteile ergeben sich aus der Integration von GIS im Unterricht? Lernen Schüler besser mit digitalen Karten als mit Atlanten?

Sowohl Atlanten wie auch digitale Karten sind Werkzeuge, die im Geografieunterricht aus pädagogischer oder didaktischer Sicht Sinn machen – je nach Fragestellung und Situation. Es liegt mir fern, die analoge und digitale Welt gegeneinander auszuspielen. Gleichzeitig müssen die Schülerinnen und Schüler in einer stark digitalisierten Zukunft bestehen können.

Der Umgang mit „Raum/Zeit-Daten“ und mit offenen Daten wird in Zukunft in verschiedenen Berufsbereichen eine große Rolle spielen. Dort kann meiner Meinung nach GIS im Unterricht mehr leisten als vorgefertigte thematische Karten.

Gilt das unabhängig von der Jahrgangsstufe?

Meine Feststellung ist, dass schon die ersten Sekundarklassen (7. Schuljahr) nach dem GIS-Lehrgang (8 Lektionen) bei der Auseinandersetzung mit digitalen Karten viel aktiver und differenzierter diskutieren. Die Geoinformatik ist somit ein Multiplikator, der mir im Unterricht hilft, mehr aus Karten und geografischen Themen herauszuholen – und zwar in jeder Altersstufe. 

In vielen Ländern wird intensiv über die Digitalisierung von Schulen debattiert. Denken Sie, GIS sollte in den Diskussionen eine Rolle spielen?

Die Geoinformatik sollte meiner Ansicht nach im aktuellen Ausbildungsdiskurs der Stufe Sek. I und II eine viel größere Rolle spielen. Mehr als die Hälfte der neuen Berufe, die es durch die Digitalisierung in naher Zukunft geben wird, können wir noch gar nicht benennen. Deshalb müssen die Jugendlichen gerade in den Bereichen des selbständigen Arbeitens, des projektorientierten und des vernetzten, analytischen und flexiblen Denkens und der „Datenalphabetisierung“ geschult werden.

Es ist ein Vorteil, in der digitalen Welt über ein breites Repertoire zu verfügen. Genau das bietet meiner Ansicht nach die Geoinformatik.

Warum ist das so?

Wir können mit sinngebenden Fragestellungen sozialwissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Art den unmittelbaren Wahrnehmungsraum der Schülerinnen und Schüler aufgreifen und mit Niveau und Tiefe thematisieren. Wir können somit die Forderungen und Bedürfnisse der naturwissenschaftlichen wie auch der geisteswissenschaftlichen Fakultäten an eine digitale Ausbildung in umfassender Weise bereits jetzt bedienen.

Während vielerorts noch Ideen für das Fach „Medien und Informatik“ entwickelt werden, sind wir bereit, den nächsten Schritt in die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer zu machen. Leider ist das den Verantwortlichen, welche die Bildungsprogramme der Zukunft gestalten und festlegen, kaum bewusst oder bekannt.

Innerhalb der „Medien und Informatik“-Ausbildung an den Pädagogischen Hochschulen gibt es bei uns keine Geoinformatik-Lehrgänge. Aus meiner Sicht müssen wir uns hier noch besser vernetzen und ein besseres Lobbying betreiben.

Schülerinnen und Schüler bei der Feldarbeit (Foto: Marcel Engel)

Veranstaltungen wie der GEOSchool Day setzen genau hier an. Was haben Sie und Ihre Schülerinnen und Schüler von dieser Veranstaltung mitgenommen?

Meine Schülerinnen und Schüler haben die Mischung von Klassenprogramm und gleichzeitiger Branchenausstellung als sehr positiv bewertet. Sie waren von der Vielfalt der Geoinformatikfelder beeindruckt. Die Wettbewerbe und Workshops für die Klassen spiegeln die Diversität der Branche wider.

Kurz gesagt, für uns war es ein spannender und klassenbildender Anlass. Als Geografielehrer war es für mich die Möglichkeit, neue Leute und Ideen kennenzulernen. Aber auch die Chance, den einen oder anderen Namen aufzuschnappen und so über Twitter bezüglich Geoinformatik auf dem neusten Stand zu sein.

Der GEOSchool Day schafft eine Reichweite bei den Geografie-Lehrerinnen und -Lehrern in der Schweiz, die einmalig ist. Dafür bin ich sehr dankbar.

Das Interview führte: Denis Heuring
Titelfoto: Moritz Schenk