„Umweltschutz ist wie eine Hirn-OP – Man muss wissen, was man tut.“ Der Ökologe Thomas Crowther im Interview.

Thomas Crowther möchte erforschen, wie verschiedene Ökosysteme das Klima beeinflussen – und endlich ganzheitliche Klimaschutzmaßnahmen formulieren. Dafür stehen dem 31-jährigen Jungprofessor der ETH Zürich nun 2,7 Millionen Schweizer Franken und ein eigenes Lab zur Verfügung. Im Interview erklärt er, wie er den Umweltschutz verändern möchte.

Herr Crowther, weltweit verfehlen die Industrienationen die gesteckten Klimaziele. Sind sich die Politiker nicht über das Ausmaß des Klimawandels bewusst?

Ich denke, dass sich die meisten Politiker über die Gefahr des Klimawandels im Klaren sind. Dennoch widmet der Großteil den katastrophalen Folgen der Klimakrise nur aufgrund von politischem oder sozialem Druck Aufmerksamkeit – sei es, weil Wahlen anstehen oder weil das Thema gerade die Öffentlichkeit bewegt. Das Klima hat bedauerlicherweise keine Priorität im politischen Tagesgeschehen.

Wie ist das zu erklären?

Zum einen zeichnen sich die Folgen des Klimawandels nur langsam ab, weshalb sie nicht so alarmierend wie akute verkehrs- oder finanzpolitische Probleme wirken. Zum anderen scheint das Thema derart komplex, dass es schwerfällt, eine klare Strategie zu entwickeln. Dafür ist es allerdings höchste Zeit.

Das Klima ist die größte Herausforderung für die Menschheit. Es bestimmt praktisch alle anderen Bereiche: So wird es Migrationsbewegungen geben, weil Regionen aufgrund von Dürren, Überschwemmungen oder Nahrungsknappheit nicht mehr bewohnbar sind. Die Klimakrise ist ein globales Phänomen, das eine globale Lösung verlangt. Der Klimawandel kennt keine nationalen Grenzen.

Die Meinungen zum Klimawandel wie auch die Prognosen zur Erderwärmung gehen weit auseinander. Woher kommen die unterschiedlichen Sichtweisen?

Das Hauptproblem besteht darin, dass zahlreiche Fehlinformationen und Falschannahmen kursieren. Politik und Wirtschaft haben das Thema Klima nicht selten benutzt, um Emotionen zu schüren und sich die Unterstützung der Öffentlichkeit für die eigene Sache zu sichern. Diese Emotionalisierung hat jedoch dazu geführt, dass die Fakten in den Hintergrund geraten sind.

Die Klimadebatte sollte sich aber nicht an Gefühlen, Trends oder an der Parteizugehörigkeit orientieren, sondern sich auf valide Daten stützen. Dafür müssen wir den Klimawandel noch besser erforschen. Denn je mehr wir über das Klima wissen, desto besser stehen die Chancen für eine sachliche Auseinandersetzung – und für eine Formulierung sinnvoller Klimaschutzmaßnahmen.

Sind Klimaschutzmaßnahmen nicht immer sinnvoll?

Nicht unbedingt. Wer in das natürliche Ökosystem eingreift, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein, läuft Gefahr, der Umwelt mehr zu schaden als ihr zu nutzen. Ein Beispiel: Heute überleben nur rund 30 Prozent der Bäume, die in tropischen Regionen gepflanzt werden. Warum? Weil rund 70 Prozent der Bäume an falschen Stellen eingepflanzt werden. Die Folge sind degenerierte Böden und die Zerstörung natürlicher Biodiversität.

Bei anderen komplexen organischen Systemen würden wir uns derartige Eingriffe nie trauen: Niemand würde eine Hirn-OP durchführen, wenn er nicht den kompletten Organismus verstehen und die Konsequenzen des Eingriffs auf den menschlichen Körper absehen könnte. Nicht so im Umweltschutz.

Was ist also zu tun?

Es reicht nicht, die Bedeutung der Aufforstung im Kampf gegen die Erderwärmung zu verstehen. Es ist mindestens genauso wichtig, auf der Basis dieses Verständnisses die richtigen Maßnahmen zu ergreifen.

Dafür ist ein ganzheitlicher Ansatz notwendig, der alle Einflussfaktoren berücksichtigt: Welche Baumart kann wo gepflanzt werden? Welche Böden sind für welche Baumarten geeignet? Mit welchen ökologischen Konsequenzen ist zu rechnen, wenn eine bestimmte Baumart in einer bestimmten Gegend gepflanzt wird? Je mehr wir über unsere Ökosysteme wissen, desto effizienter die Umweltschutzmaßnahmen.

2017 wurde das Crowther Lab an der ETH Zürich ins Leben gerufen: Ist das Lab ein Versuch, Klimaschutz ganzheitlich zu denken?

Das ist unser Ziel. Wir möchten zum besseren Verständnis beitragen – erst verstehen und dann handeln. Die Erde ist ein komplexes System, das sich durch physikalische, chemische, biologische und soziale Komponenten auszeichnet. Das macht sie zu einem interdisziplinäreren Untersuchungsgegenstand. Um alle Aspekte zu berücksichtigen, bringen wir im Crowther Lab verschiedene Wissenschaftszweige zusammen. Unser Team besteht aus Experten unterschiedlicher Fachrichtungen – darunter Geographen, Chemiker, Physiker, Physiologen, Biochemiker, Biologen, Gentechniker, Programmierer oder Mathematiker. Dieser Wissenspool erlaubt es uns, die drängendsten ökologischen Fragen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten – und das eingeworbene Geld effizient einzusetzen.

Was macht das Crowther Lab anders als andere Projekte, die sich im Kampf gegen den Klimawandel engagieren?

Wir möchten uns noch stärker auf den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Ökosystemen konzentrieren. Die Klimaforschung hat den Fokus bisher vor allem auf die Erdoberfläche gerichtet. Wir wagen uns nun an den “heiligen Gral“ der Ökologie heran: die Erforschung der Milliarden von Mikroorganismen in unseren Böden.

Der Großteil dieser Organismen sind Nematoden, Fadenwürmer, die etwa vier Fünftel aller tierischen Organismen auf der Erde stellen. Diese haben massiven Einfluss auf die globale Kohlenstoffbilanz und damit auch auf das Klima. Sie regulieren unsere Atmosphäre, die klimatischen Bedingungen und die Fruchtbarkeit unserer Böden – und dennoch wissen wir kaum etwas über diese Organismen.

Was genau haben diese Organismen mit dem Klima zu tun?

Das Erstaunliche ist, dass die Anzahl dieser Organismen in sehr kalten Regionen größer ist als in warmen Regionen – auch wenn die Organismen in kalten und gefrorenen Böden weniger aktiv sind. Warum ist das wichtig? Wenn aufgrund der Erderwärmung die Temperatur in diesen eisigen Regionen steigt, führt das zu einer erhöhten Aktivität der Nematoden. Und je aktiver die

Mikroorganismen sind und je mehr Pflanzenteile sie zersetzen, desto höher die CO₂-Emissionen der Böden. Diese Emissionen sind um ein vielfaches höher als der von Menschen gemachte CO₂-Ausstoß.

Ein Weg, den Boden-Emissionen entgegenzuwirken, ist das Aufforsten dieser Gebiete. Heute verfügen wir über Technologien, die uns helfen, das Vorkommen und den Einfluss der Mikroorgansimen zu dokumentieren und entsprechende Schlüsse für die Aufforstung zu ziehen.

Mit welchen Technologien arbeitet das Crowther Lab?

Wir nutzen ArcGIS Pro und Kartenlayer aus The Living Atlas of the World. Mit dem Tool können wir über Jahrzehnte gesammelte Daten auf ein und derselben Plattform zusammenführen – darunter Informationen über Bodenproben, Mikroorganismen, Temperatur, Feuchtigkeit, Baumarten, etc. Wir bringen die Daten in einen größeren Kontext und stellen die Ergebnisse auf digitalen Karten dar.

Im Grunde entspricht das Tool unserem interdisziplinären Ansatz: Statt verschiedene Datentypen mithilfe unterschiedlicher Tools auszuwerten, betrachten wir das große Ganze.

Helfen Karten dabei, den Menschen die Klimakrise noch deutlicher vor Augen zu führen?

Der Klimawandel ist komplex, so dass es schwerfällt, das Problem zu überblicken und den Hebel anzulegen. Wenn wir es schaffen, unsere Forschungsergebnisse wie auch die verheerenden Konsequenzen des Klimawandels verständlich zu vermitteln, haben wir eine Chance auf Veränderung. Eine Karte motiviert die Leute eher hinzusehen als ein Meer aus Daten und Messwerten.

Das Interview führte: Denis Heuring


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