11’000 Seemeilen und zwei Atlantiküberquerungen in sechs Monaten: Das Ocean College verlagert die Schule aufs Wasser. Nicolas Fleischmann ist Lehrer/Projektleiter an Bord. Erfahrt im Interview mehr über den etwas anderen Schulalltag.

Copyright: Ocean College

Seit dem 7. Oktober 2020 ist die «Pelican of London» wieder mit dem Ocean College unterwegs. In den kommenden sechs Monaten eröffnen sich 35 Schüler*innen neue Horizonte. Neben dem normalen Unterricht erhalten sie eine nautische Ausbildung. Sie sind eingebunden in die Tätigkeiten an Bord, sie arbeiten mit im Schichtbetrieb. Und vor allem lernen sie neue Länder und unbekannte Welten kennen.

Was ist das Ocean College?

Der Unterricht mit viel Praxisbezug orientiert sich an der Reiseroute. Zudem fokussieren sich die Teilnehmenden in sogenannten Pathways auf ein Interessengebiet, gemeinsam mit Experten aus dem entsprechenden Bereich. So erfahren die Schüler*innen ganz nebenbei auch mehr über den Beruf dieser Fachleute.

Zum ersten Mal mit dabei beim Ocean College ist Nicolas Fleischmann, und zwar als Lehrer und Projektleiter. Er unterrichtet die Schulfächer Physik und Geografie sowie den Science-Pathway (Details siehe unten). Im Interview gibt er einen Einblick in den Alltag an Bord.

Nicolas Fleischmann vor dem Ocean College-Schiff «Pelican of London».

Nicolas, welche Aufgaben hast du als Lehrperson im Rahmen dieses Projekts?

Wir sind insgesamt drei Lehrer*innen an Bord und begleiten die Jugendlichen während der gesamten Reise sowohl auf dem Schiff als auch an Land. Wir sind nicht nur im Unterricht, permanent für sie da.

Während der ersten Etappe klären wir mit den Schüler*innen einzeln den individuellen Lernbedarf in den Fächern Deutsch, Mathe, Englisch, Biologie, Chemie, Physik, Geographie und Geschichte. Zudem findet auf der ersten Überfahrt ein Spanisch-Intensivkurs statt. Später besuchen die Jugendlichen in Costa Rica während zwei Wochen eine Sprachschule. In dieser Zeit haben wir als Lehrkräfte dann unseren Urlaub.

Schulalltag an Bord

Was macht das Unterrichten auf dem Ocean College so besonders? Worin unterscheidet es sich von einer normalen Schule?

Der Unterricht läuft in einem «Dreiwachsystem» ab. Er dauert in der Regel vier Stunden pro Tag – an sechs Tagen pro Woche. Dabei sind nie mehr als 12 Schüler*innen in einer Unterrichtsgruppe, was eine sehr individuelle Betreuung ermöglicht. Von allen Beteiligten ist Flexibilität gefragt. Manchmal müssen wir Rücksicht auf schweres Wetter oder andere Einflüsse von außen nehmen. Den Unterricht erarbeiten wir Lehrpersonen gemeinsam. Bei der Konzeption der Stunden achten wir darauf, dass wir möglichst fächerübergreifend arbeiten können.

Der Unterschied zum normalen Unterricht im Schulzimmer? Ein Großteil des Lernstoffes ist relevant für das Leben an Bord, die Jugendlichen können das Gelernte oft direkt beobachten oder umsetzen. Alltägliche Fragen sind zum Beispiel: Wie kann ich die Hebelgesetze zu meinem Vorteil nutzen? Warum bildet sich an manchen Tagen Seenebel? Wie berechne ich die signifikante Wellenhöhe?

Entnahme einer Meerwasserprobe, um den Anteil am Mikroplastik zu untersuchen.

Ebenfalls wichtig: Bordsprache ist Englisch. Denn die Crew stammt aus Großbritannien, die Jugendlichen kommen aus verschiedenen Ländern.

Auch für uns Lehrkräfte gibt es Unterschiede. Freiräume oder Privatsphäre gibt es auf einem kleinen Schiff mit knapp 50 Leuten kaum. Auch Feierabend bedeutet nicht, dass wir einfach die Füße hochlegen können. Bei einem Segelwechsel oder in einem Squall – einer typischen Gewitterwolke auf dem Atlantik – ist delegieren nicht drin. Während der gesamten Reise formen Crew, Schüler*innen und Lehrpersonen ein Team. Gute Zusammenarbeit entscheidet über den Erfolg der Reise.


«Während der gesamten Reise formen Crew, Schüler*innen und Lehrpersonen ein Team. Gute Zusammenarbeit entscheidet über den Erfolg der Reise.»


Nicolas Fleischmann, Lehrer und Projektleiter am Ocean College

Welche Rolle spielen dabei digitale Werkzeuge wie ArcGIS?

Mit ArcGIS können wir relativ einfach Karten mit verschiedenen Layern erzeugen. Die Informationen für diese Layer sammeln wir selber. Anschließend georeferenzieren wir sie mit der Survey123 App.

Auf der aktuellen Reise sammeln wir Daten über den Zustand der Ozeane, welche wir durchqueren. Uns interessieren besonders die Oberflächentemperatur, der Salzgehalt und der pH-Wert. Diese «Vitalparameter» werden via Satellitenverbindung täglich ins Dashboard auf unserer Webseite hochgeladen. Dank diesem Prozess sind die Daten auch für andere Leute zugänglich. Interessierte können so unser Projekt online «miterleben», sie werden Teil unseres Abenteuers. Am Schluss der Reise werden wir die Daten gemeinsam mit den Schüler*innen analysieren und aufarbeiten.

Direkt zum Dashboard mit den aktuellen Daten

Ein paar Jugendliche erstellen zudem eine StoryMap über ihr Citizen Science Projekt während der Reise.

Wie hast du dich auf das Arbeiten mit diesen Werkzeugen vorbereitet?

ArcGIS kenne ich aus dem Geographiestudium. Als Vorbereitung habe ich ein paar Tutorials durchgearbeitet. Das StoryMaps Tool war eher neu für mich. Es ist sehr einfach zu bedienen. Ich bin sicher, dass es auch nicht allzu technikaffine Jugendliche schnell verstehen.

Was ist deine persönliche Erwartung an die Zeit als Lehrer am Ocean College?

Ich freue mich darauf, die Entwicklung der Schüler*innen beobachten zu können. Das Leben auf einem Schiff formt Menschen sehr stark, Eine entscheidende Rolle spielen Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Teamzusammenhalt und der Wille, über seine eigenen Grenzen hinauszugehen.


«Ich freue mich darauf, die Entwicklung der Schüler*innen beobachten zu können.»

Nicolas Fleischmann, Lehrer und Projektleiter am Ocean College

Zudem bin ich schon mehrmals über den Atlantik gesegelt. Ich freue ich mich auf die schiere Weite der Meere und das Gefühl der Exponiertheit. Sehr gespannt bin ich auf die Landschaften, welche wir im Laufe der Reise entdecken. Vielleicht ergibt sich ja an einem schulfreien Sonntag die Zeit für eine kleine Kite-Session? Auf jeden Fall: Ich bin gespannt, was uns erwartet!

Das Interview führte Franziska Müller vom Ocean College (Redaktion: Cello Rüegg).

Tipp: Bei aufkommender Reiselust und allfälligem Fernweh empfehlen wir euch den Ocean College Instagram-Account oder die Facebook-Seite. So seid ihr zwar nicht mittendrin, aber doch dabei.

Ausserdem bleiben wir für euch dran. Wir verfolgen die Reise der «Pelican of London» und bringen in unserem Blog Updates zu spannenden Themen und interessanten Highlights.


Hintergrundinfo Science-Pathway

Im Rahmen des Ocean Colleges entscheiden sich die Schüler*innen für einen von drei Pathways: Economics, Media & Journalism oder Science. Meereskundliche Naturwissenschaften sind der Schwerpunkt des diesjährigen Science Pathways.

Unsichtbares sichtbar machen mit Esri Produkten

Mithilfe von modernen Sensoren messen die Jugendlichen wichtige Parameter wie CO2- und Salzgehalt sowie Wassertemperatur. Die Daten werden mit ArcGIS Online und ArcGIS Survey123 von Esri in Echtzeit visualisiert und so einer größeren Anzahl von Menschen zugänglich gemacht.

Zudem führen die Schüler*innen mehrere Forschungsprojekte durch, welche sich auf die gewonnenen Informationen beziehen. Unter anderem befassen sie sich mit verschiedenen ozeanographischen Fragestellungen:

  • Wodurch wird CO2-Gehalt im Meer bestimmt? Welchen Schwankungen ist dieser unterworfen?
  • Welche Auswirkungen haben Salinität, Wassertemperatur und Dichte auf Meeresströmungen? Wie beeinflussen diese unser Klima?
  • Wie verändern anthropogene Einflüsse diese globalen Systeme?
  • Welche Wassermassen lassen sich anhand der Wasserproben auf unserem Törn identifizieren?

Anhand dieser Projekte erhalten die Teilnehmenden Einblicke in wissenschaftliche Arbeitsweisen. Sie lernen, selber ganz konkrete Messungen und Untersuchungen durchzuführen (z.B. Salzgehalt, Wassertemperatur oder Zerfall von Plastik unter Einfluss von UV-Strahlen).

Plastikverschmutzung der Ozeane

Ein weiteres Projekt ist – wie in den vergangenen Jahren – die Plastikverschmutzung der Ozeane. Konkrete Fragen sind:

  • Was ist Plastik, chemisch betrachtet? Wie ist Mikroplastik definiert?
  • Welches sind die Vor- und Nachteile des Materials?
  • Wie kommt Plastik ins Meer und wie lässt sich das vermeiden? 

Mit Keschern werden Plastikteile aus dem Meer gefischt und identifiziert. Anschließend untersuchen die Jugendlichen mithilfe von Fluoreszenzaufsätzen für ein Mikroskop (NIGHTSEA Stereo Microscope Fluorescence Adapter) Wasser- und Sandproben auf Spuren von Mikroplastik. Sie festigen so theoretische Inhalte durch praktische, schülerorientierte Methoden. Zudem setzen sie in einem Projekt in Kooperation mit der Organisation STOP! Micro Waste ihr Wissen in einem Beach Cleanup und in verschiedenen Workshops praktisch um.

Auch bei diesem Projekt kommt ArcGIS Survey123 zum Einsatz. Es wird erfasst, von wo die Proben stammen. So ist auf der Karte sichtbar, welche Mengen an Plastikmüll am jeweiligen Standort entnommen wurden.

Im angegliederten Mentoring-Programm beschäftigen sich junge Erwachsene im Rahmen von Miniforschungsprojekten mit lösungsorientierten Ansätzen zum Thema Mikroplastik. So soll untersucht werden, ob sich eine einfache und kostengünstige Methode zum Nachweis von Mikroplastik in Seewasserproben entwickeln lässt.


Zur Person: Nicolas Fleischmann ist seit der Schulzeit Segler aus Leidenschaft. Als ehrenamtlicher Jugendtrainer und im Freiwilligen Sozialen Jahr hat er Schülergruppen das Segeln beigebracht. Seither begleitete ihn das Thema, unter anderem während des Studiums am Meeresforschungsinstitut GEOMAR und als Navigator auf Regattaschiffen und Wetteroutern. Er studierte am Lehramt Physik und Geographie, und er ist fasziniert von außerschulischen Lernorten wie dem Ocean College. Zu seinen Hobbys gehören Kitesurfen, Felsklettern und Bergsteigen.